Politischer Eros

Im Jahr 1919, kurz vor dem Prozess wegen Kindesmissbrauchs und sexueller Gewalt gegen Gustav Wyneken, stimmt sich der Chefideologe des Wandervogels Hans Blüher mit einem gewissen Carl Heinrich Becker ab. Blüher wird in dem Prozess als Gutachter gehört. Wie könnte man den Prozess gegen Wyneken, den großen Redner auf dem Meißner-Fest 1913, günstig beeinflussen? Wyneken, Schulleiter der Freien Schzulgemeinde Wickersdorf,  hat in der Untersuchungshaft seine Verteidigungsschrift „Eros“ verfasst. Darin verneint er, dass es um „irgendwelche Drüsensekrete“ ging, als er Schenkelverkehr mit einem 12jährigen Schüler hatte und sich dabei auf ein untergelegtes Handtuch ergoß; es sei eine höhere weihevolle Gemeinsamkeit gewesen, die er mit dem Knaben, einem seiner Schüler, erlebt habe.  Becker schlägt Blüher vor, die Schrift Eros als pädagogisch wertvoll durch das preußische Zentralinstitut für das Erziehungswesen einschätzen zu lassen. Er werde dafür sorgen, so Becker, dass sich ein geeigneter Gutachter des Zentralinstituts der Sache annehme.

Wie gut, dass Carl Heinrich Becker Preußens Minister für Kultur und Erziehung war. Der Minister selbst also besprach sich mit Blüher, um den Päderasten Wyneken raushauen zu können.

Wyneken wurde dennoch wegen Kindesmissbrauchs und Missbtauchs von Schutzbefohlenen verurteilt; er hatte auf dem Ausflug auch einen 16jährigen Schüler nach der antiken griechischen Methode begattet. 2500 Jahre vorher war der Schenkelverkehr erlaubt – in Preußen war er verboten und hatte einen Namen: sexueller Missbrauch. Der Nerother Wandervogel machte sich sogleich auf, um mit Hunderten eine Solidaritätskundgebung für Gustav Wyneken abzuhalten.

Blühers Idee vom Wandervogel: eine mann-männliche Gesellschaft. (aus: Wandervogel als erotisches Phänomen)

Blühers Idee vom Wandervogel: eine mann-männliche Gesellschaft. (aus: Wandervogel als erotisches Phänomen)

Heute Am Freitag, 20.3.15, gab es um 16 Uhr eine Diskussion über den Politischen Eros der Jugendbewegung auf der Burg Ludwigstein, mit dem dem Autor und Odenwaldschüler, Tilman Jens, dem Lehrer, Berater und Ex-Odenwaldschüler Jochen Weidenbusch, einem weiteren Betroffenen und Christian Füller. 

Eines der Ergebnisse der guten Diskussion war, dass sich die Betroffenen gegenseitig erzählen sollen. Das geschieht, wenn möglich, hier auf der Seite „Freundesliebe als Übergriff.“ 

Blühers Buch „Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft“ liest sich heute zunächst wie ein krudes frauenverachtendes Pamphlet. In den 1920er Jahren hat er damit eine Theorie des politischen Eros formuliert. Er beschrieb die Umrisse einer neuen Gesellschaft, die auf einem betont körperpolitischen Leitbild fußten. Er definierte die Sexualität und das Verhältnis zu Kind und Jugend neu – und erklärte es zum Grundbaustein einer politischen Theorie.

Der Körper als Grundlage einer neuen politischen Ordnung zieht sie wie ein roter Faden durch die beobachteten Epochen und Bewegungen. Es geht dabei stets um den nackten Körper und idealerweise um den Körper des Kindes. Die deutschen Reformbewegungen nehmen dieses Motiv auf. Das emblematische Bild ist das Lichtgebet von Fidus, ein den Himmel anbetender junger Mann. Stefan George lässt den Eros in einem seiner Gedichte als „nackten engel durch die pforte treten“, der dem ratlosen Suchenden die Erkenntnis nahebringt. Gustav Wyneken macht den Körper zum essenziellen Mittel und Zweck des Lernens. Er verfasst seine Schrift Eros, um sich vor Gericht für einen sexuellen Übergriff zu verteidigen.

Der naturbelassene Körper ist das Gegenbild zur industrialisierten und ökonomisierten Welt. Blüher erklärt den Übergriff auf den Körper des Jungen zum Politikum einer mann-männlichen Beziehung. Dieser Übergriff ist der gemeinschafts- und letztlich staatenbildende Akt.

 Normale Päderasten müssen sich für ihre Taten immer eine individuelle Rechtfertigung suchen. Für die Gruppenleiter der Wandervögel und Jungenschaften ist das einfacher. Ihnen steht die Ideologie der Jugendbewegung zur Verfügung.

Die Taten und die Verurteilung des Markus M. hier in einer Geschichte für die taz 

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