Die Methode: Interview

Frage: Was wiegt in Ihren Augen schwerer, der Missbrauch oder der Vertrauensbruch?

Betroffener: Der Machtmissbrauch und der Vertrauensbruch ist in meinen Augen sogar das größere Vergehen. Man hat sich gezielt Jugendliche rausgesucht, die eine schwierige Phase durchgemacht haben. Und die hat man dann ausgenutzt und für den individuellen Zweck der sexuellen Befriedigung missbraucht.

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Hans Blüher, Wandervogel als erotisches Phänomen: „erotische Wucht der Jugend“.

 

Können Sie ein Beispiel nennen. Einen Fall, wo Sie sagen, da wird der Machtmissbrauch deutlich.

Dass jemand in einer schwierigen Situation war, rein familiär, ein Scheidungskind, es fühlt sich vernachlässigt und nicht geliebt. Nun kommt er im Pfadfinder zu Leuten, die ihn scheinbar gern haben, die ihn oft in Arm nehmen, die ihn unterstützen und ihm helfen. Die ihm aber bei einer Fahrt nachts in den Schlafsack fassen und es ausnutzen, dass er sich nicht wehren kann. Er sucht Liebe und Nähe – und die greifen ihn sofort sexuell an. Das ist ein Missbrauch: Der Jugendliche vertraut sich an mit ganz vielen Sachen – und das wurde schamlos ausgenutzt, um ihn anzugreifen.

Weil er kompromittiert ist durch das, was er dem Wandervogel-Führer an privaten Dingen erzählt hat?

Genau. Es ist ein Abhängigkeitsverhältnis, was geschaffen wird. Sodass ein Täter sich seine Opfer gezielt nach diesem Schema aussucht. So habe ich das die ganze Zeit erlebt. Man macht eine schwierige Phase durch und vertraut sich diesen Personen an. Daraus entsteht ein Mechanismus: Dieser Mensch ist endlich soweit, dass es ihm wieder gut geht – und genau dann kann er dem Täter nicht mehr widerstehen. Weil der Täter so wichtig geworden ist für das Opfer.

Was ist da eigentlich passiert? Wieso ist das aus deiner Perspektive ein sexueller Übergriff, wenn er ihm im Schlafsack an die Eier greift?

Weil er labil ist. Weil man das nicht möchte in dem Moment und nicht damit rechnet. Weil man glaubt, dass der Täter da jetzt was richtiges tut, weil er sonst ja auch immer das richtige tut. Steht da als großer weiser Mann, der einem immer einen guten Rat geben kann. Man denkt: Der wird schon wissen, was richtig ist – obwohl man natürlich spürt, dass das falsch ist, was der gerade mit einem macht. Weil es sich falsch anfühlt. Man verwehrt es aber nicht, weil man denkt, ‚Oh, das tut ihm dann aber nicht gut.‘ Das ist so eine Quid pro Quo-Sache, das eine für das andere. Auch wenn das jetzt vielleicht blöd klingt.

Heißt im Schlafsack anfassen schon Missbrauch oder ist das Warmlaufen?

Das ist ein Warm-up wie in der Formel 1. Man testet mal, und je nachdem, was der Betroffene dagegen macht oder wie er sich wegdreht, wird der Täter dann auch weiter machen. Da gibt es kein Kochrezept. Aber bei mir hat der Täter das wieder und wieder versucht und ist nicht davon abgegangen. Und man merkt, dem Täter geht so richtig einer ab dabei. Das ist eklig. Man merkt das auch, wie der sich verhält. Man spürt den erigierten Penis von ihm.

Welche Stufen können Sie berichten, was sind Übergriffe?

Jugendliche, die die Nähe suchen. Bei einem Jugendführer, der ihm was beibringt, sein Mentor ist, in schwierigen Fragen um Rat sucht, also eine typische Opferperson. Sozial schwache Menschen, die keinen festen Halt zuhause bekommen haben. Pubertierende, die in einer Selbstfindungsphase sind. Vor dem Hintergrund mit dem bündischen Leben, mit dem auf Fahrt gehen und Zelt machen und vor dem Feuer sitzen, die das alles total spannend finden und sich an einen älteren heranhängen, der ihnen viel zeigt und ihnen Lob und Anerkennung gibt. Das sind Opferkategorien.

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