Hentig gesteht Fehler ein

Warum es so wichtig ist, dass sich der Grandseigneur der Pädagogik entschuldigt

Hartmut von Hentig, der gefallene Grandseigneur der deutschen Pädagogik, hat sich selbstkritisch zu seinem einstigen Gefährten Gerold Becker geäußert, dem Schulleiter der Odenwaldschule, der an der Anstalt ein perfides Missbrauchsystem eingerichtet hat. Er habe, sagte er der Nachrichtenagentur dpa, nichts von den Vergehen seines Freundes Gerold Becker gewusst. Aber er hätte sie früher und eindeutiger verurteilen und sich  deutlicher bei den Opfern Beckers und der Schule entschuldigen müssen. Wir schreiben das Jahr 2015. Es hat also lange gedauert. Aber nun ist es geschehen, die Entschuldigung ist da.

Man tut sich schwer

span>
Die reformpädagogische Community windet sich noch immer. Erinnern wir uns an die Tagung des Blick über den Zaun, einem engagierten Kreis von Reformschulen, der die Verbrechen an seiner Leitschule beinahe nicht verurteilt hätte. Bei einer Tagung in Bensberg bei Köln wogte die Debatte hin und her – ehe man sich dann doch zu einer Resolution entschloß.

Oder den Kongress des Schulneudenkers Reinhard Kahl in Bregenz. 2011, also ein Jahr nach der Enthüllung, sollte Hentig dort schon wieder gefeiert werden. Niemand fragt, was eigentlich mit Hartmut von Hentig los ist, warnte damals Salman Ansari in einem SPON-Interview. 

Noch im Jahr 2014 mochte die Zunft der Bildungshistoriker das Thema nicht anfassen. Bei einer Tagung in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in Berlin debattierte man über alles mögliche – aber nicht über die Fehler der Pädagogik. Das Handbuch der Reformpädagogik, gerade neu herausgekommen, hat das Thema immerhin schonmal in den Fußnoten. Einen Hauptartikel zu den Verbrechen der Reformpädagogik gibt es in diesem Handbuch immer noch nicht. Da wird weiter gejubelt, wie wichtig und stilbildend diese Pädagogik ist.

Beim letzten Akt an der Odenwaldschule machte der Historiker Jens Brachmann deutlich, dass sich die Zunft endlich kritisch mit der Reformpädagogik befassen muss.

Hentig: Die Kinder haben Becker verführt

[Auszug aus Die Revolution missbraucht ihre Kinder] Die Leugnung der Fehler und die Überhöhung der Reformpädagogik hat eine lange Tradition. Den Mitläufern der reformpädagogischen Ideologie fällt es ungeheuer schwer, die hundertfache sexuelle Gewalt in ihrer Hochburg, der Odenwaldschule Oberhambach, zu verstehen. Reformpädagogen schwören seit ihrer Ahnfrau Ellen Key darauf, dass sie das Kind in den Mittelpunkt ihrer Erziehung stellen und dass Beschämen das letzte sei, was sie wollten. Der Seelenmord geschehe in den ganz normalen staatlichen Schulen, das ist die felsenfeste Überzeugung vieler Reformpädagogen. Deswegen kann und darf es nicht sein, dass reformpädagogische Lehrer in der Odenwaldschule hunderte von Seelen ermordet haben, oder, ganz ohne Pathos: Schüler missbraucht haben. Und das, obwohl sie die superdemokratische Vorzeigeeinrichtung des besseren Deutschland war. Sie wollen nur die idealisierte Oberfläche wahrnehmen, die wunderschöne Internatsanlage am Ende des Hambachtales, wo die Fachwerkhäuser stehen und die Schüler ein kleines Paradies zum Lernen vorfinden. Um dieses heile Bild zu retten, sind manche sogar bereit, Opfer und Täter zu vertauschen. Allenfalls könne »ein Kind Gerold Becker verführt haben«, schrieb Hartmut von Hentig über den Missbrauch seines Freundes und Lebensgefährten Gerold Becker.

Hentig hat später noch einmal versucht, in der literarischen Zeitschrift Akzente sein Verhalten und sein Verhältnis zum pädagogischen Eros zu erklären: »Ist nicht auch Sokrates verkannt, verleumdet und zu Unrecht verurteilt worden?« fragte er. Er gab nach einigem Räsonieren den Vergleich mit Sokrates auf. Aber er nehme, wie er schrieb, »dessen eigenes Verlangen nach Leidensgefährten in das Repertoire seiner Tröstungen auf.« (1)

Einer von diesen Knaben!

Bei Andreas Huckele steht über Hentig etwas zu lesen, was nach Ansicht von Axel Lawaczeck „das Werk des Gottes der deutschen Reformpädagogik“ gründlich entzaubert:

„Ich [Andreas Huckele] hatte Hentig als Kind kennen gelernt. Er saß bei einem Besuch Beckers in dessen Wohnzimmer in einem der flachen Ledersessel, von denen gut ein Dutzend in Beckers Wohnzimmer herumstanden, und Becker stand seitlich neben ihm. Ich war kurz durch Beckers Wohnung gegangen, vielleicht um mir ein Brot zu schmieren oder um etwas zu trinken zu holen, als Hentig mich mit einem durchdringenden, fast gierigen Blick ansah. Er sah zu mir, er sah zu Becker, wieder zu mir und sagte: Das ist also einer von diesen Knaben!“ (2)

==

1: Hartmut von Hentig: Ist Bildung nützlich? Akzente, Zeitschrift für Literatur, H.1/2011,S.76–95

2: Jürgen Dehmers [Andreas Huckele]: Wie laut soll ich denn noch schreien?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s