„Wer sich kritisch äußert, wurde nicht angehört“

Grünes Projekt Aufarbeitung

Eva Quistorp war mit Petra Kelly und Rudi Dutschke Gründerin der Grünen. Sie kritisierte ihre Partei für die pädophilenfreundliche Politik in den 1980ern. War das der Grund, dass sie weder von den Gutachtern Walter/Klecha noch von der parteiinternen Kommission angehört wurde?

Frage: Frau Quistorp, was stört sie am „Projekt Aufarbeitung“, wie es die Grünen betreiben?

Eva Quistorp: Schon der Titel Aufarbeitung ist mir nicht angenehm. Mir scheint hier wurde selektiv vorgegangen und kaum Empathie für die Opfer gezeigt. Es wird immer so getan, als ob nicht auch lockere Sprüche Opfer haben könnten. Bei der katholischen Ideologie gehen wir Grünen aber immer wie selbstverständlich davon aus, dass sie Opfer produziert. Alle, die jetzt in Amt und Würden sind, versuchen den grünen Parteiapparat zu schützen. Auch eine von mir sehr geachtete Person wie Marieluise Beck gehört dazu. 

Was hat Frau Beck falsch gemacht?

Sie entschuldigt bis heute, dass man damals die Polizei nicht gegen die Indianerkommune rief und man niemanden im damaligen Präsidium verantwortlich machte. Wir können doch als Grüne nicht das Leid der ganzen Welt betrauern und lösen wollen, dunkle Flecken der eigenen Vergangenheit aber nur ungenau beleuchten.

.

Egozentrische Selbstgerechtigkeit eines 68ers

Ich fand die lässige Ironie von Dany, als hätte seine Haltung nichts mit Opfern zu tun, die eiskalte, egozentrische Selbstgerechtigkeit eines 68ers. Das ist mit unserem politischen Anspruch aber nicht vereinbar. Es geht den meisten Funktionären nur um die Institution, Menschen und Opfer werden übergangen. Und es werden andere Sichtweisen ausgeblendet. Mir wurde zum Beispiel mitgeteilt, „dass wir mit vielen Frauen gesprochen haben, die damals gegen pädosexuelle Positionierungen im Landesverband vorgegangen sind.“ Das ist wichtig, keine Frage. Aber kann das alles sein? Leute wie ich, die sich kritisch äußern, stören diesen Frieden offenbar.

Was meinen Sie damit?

Ich habe der Walter/Klecha-Kommission schon im Jahr 2013 geschrieben, dass ich zu einem Interview bereit wäre. Weil ich glaube, dass ich als Gründerin und wir als Partei damals im Umgang mit den Pädophilen und ihren Mitläufern schwere Fehler gemacht haben.

.

Fehler im Umgang mit Pädophilen und ihren Mitläufern

Es gab daraufhin einen Mailwechsel und die Ansage aus dem Institut für Demokratieforschung, dass sie sich wieder melden wollen. Aber das Interview kam nie zustande. Ein Treffen für ein Gespräch wurde nicht vereinbart. Nun habe ich, auf nochmalige Nachfrage, folgende Information von einem Mitarbeiter Franz Walters erhalten: „Entschuldigen Sie bitte, dass wir unserer eigenen Ankündigung offenbar nicht konsequent nachgekommen sind. Dass wir Sie nach einer längeren Mail-Konversation vergeblich haben warten lassen, ist bedauerlich. Eine in diesem Fall natürlich angemessene Absage muss in der Dynamik des Tagesgeschäfts dieses Projekts schlicht vergessen worden sein.“ Was ist das denn für eine Form von Aufklärung? Wollte man mich nicht hören, weil ich mich öffentlich kritisch und auch selbstkritisch geäußert hatte?

Wie erklären Sie sich die Haltung Ihrer Partei damals?

Es gab eine unheimliche Toleranz der Führungsfiguren für das Thema sexuelle Minderheiten und sogenannten ‚einvernehmlichen Sex mit Kindern‘. Speziell die linken Gruppen bei den Grünen haben das als Front gegen die Wertkonservativen in den Grünen aufgebaut.

.

Unheimliche Toleranz der Führungsfiguren gegenüber Päderasten

So sollten Leute wie Herbert Gruhl rausgeekelt werden. Viele haben gar nicht mitbekommen, was da lief, weil sie sich nur auf die Atomfrage oder Friedensfrage konzentriert haben und unbedingt Weltoffenheit demonstrieren wollten. Mit der Forderung nach Toleranz gegenüber Minderheiten wie den Päderasten wurde aber eben auch eine blinde Toleranz gefördert – und so das Thema in die Partei hineingelassen. Es gab eine große linke Wucht und viele Taktiken. Das richtete sich gegen die Wertkonservativen, frühe Reformpolitikerinnen und Feministinnen wie mich und andere, die immer strikt gegen Missbrauch waren. So hat man die klare Haltung gegen die Pädophilen eindeutig geschwächt.

Aber es gab doch so genannte Gegendiskurse, wie Walter und Klecha stets betonen?

Ja, für mich selbst war auch klar, dass ich über bestimmte Positionen wie die Freigabe von ‚Sex mit Kindern‘ nicht einmal bereit gewesen wäre zu diskutieren. Ich habe sie abgelehnt.

.

Die Indianer körperlich aus dem Saal treiben

Da ich wusste, dass gegen die Übermacht der linken Gruppen nach Karlsruhe nicht mit Thesenpapieren anzukommen war, habe ich damals zusammen mit Roland Vogt versucht, die Indianerkommune körperlich aus dem Saal zu treiben. Das Präsidium hat versagt nach dem Motto, ‚Hauptsache wir sind liberal‘. Die wollten die Polizei nicht rufen und sie wollten sich auch nicht mit dem schwulen Milieu anlegen. Heute wissen wir, dass viele dachten, ‚die Pädophilen müssen raus aus der Partei‘. Viele grüne Frauen haben damals schon Briefe an die Vorstände geschrieben, dass es keine Zusammenarbeit mit den Pädophilen geben darf. Aber sie wurden nicht ernst genommen, das hat nicht zu den parteiinternen Machtkämpfen gepasst.

Was heißt das?

Die ersten Grünen war eher umwelt-, friedens- und frauenbewegt, sie wurden aber ab 1980 von dem Milieu der K-Gruppen und der linken großstädtischen Szene in einigen Fragen überrollt. Im Europawahlkampf 1979 wurden erstmals alle Kräfte Richtung Partei gebündelt. Der große Erfolg, knapp über drei Prozent, zeigte den linken und K-Gruppen, dass es mit den Grünen eine machtpolitische Perspektive gibt. Wir wurden für die Frankfurter Szene der linken Gruppen spannend. Die waren sowohl machtorientierter wie atheistischer und hedonistischer – und bestens organisiert. Sie belächelten uns als Ökopaxe oder man galt dann schnell als rechts, wenn man ihrer Linie nicht folgte.

.

„Wir dachten, die sexuellen Befreiung bringt love and peace für alle“

Wie ist ihre Erklärung für die Blindheit der Partei bei einer so essenziellen Frage wie der sexuellen Selbstbestimmung von Kindern?

Ich glaube, die meisten haben sich mit der Revolte von 68 eingebildet, die sexuelle Befreiung bringt love and peace für alle: Dann schlägt kein Mann mehr seine Frau. Die Kinder werden frei und glücklich. Freier Sex löst alles und enthält weder Macht noch Gewalt. Das war nicht nur naiv, das war ideologisch und grössenwahnsinnig.

.

„Wir haben der Sexindustrie den Weg bereitet“

Auch wir haben damit dem Konsumkapitalismus und der Sexindustrie den Weg bereitet. Wir müssen spätestens heute – wie es die Frauenbewegung in ihren Anfängen gemacht hat – die sexuelle Befreiung hinterfragen. Wir müssen Herrschaft, Missbrauch, Sucht aufdecken – und die Interessen, die dahinter stehen. Um 1968 und auch als frühe Grüne haben wir uns als Teil einer globalen Befreiungsbewegung gefühlt – da glaubte man dann, die Folgen seines Redens und Denkens nicht mehr genauer bedenken und verantworten zu müssen

4 Gedanken zu “„Wer sich kritisch äußert, wurde nicht angehört“

  1. Angelika Oetken schreibt:

    „Wir können doch als Grüne nicht das Leid der ganzen Welt betrauern und lösen wollen, dunkle Flecken der eigenen Vergangenheit aber nur ungenau beleuchten.“

    Frau Quistorp beschreibt eine innere Haltung, die wir bei vielen Idealisten, Menschen in Helferberufen und sozial Engagierten wiederfinden. Das Phänomen ist aus dem biopsychosozialen Kontext bekannt. Und ein Grund mit, warum manche Ausbildungsgänge in diesen Feldern von ihren TeilnehmerInnen erwarten, dass die ihre Biografie mittels intensiver Supervision bzw. Therapie aufarbeiten.
    Frau Ursula Lambrou beschreibt in ihrem Buch „Familienkrankheit Alkoholismus“, welche Strategien Kinder, die in dysfunktionalen Verhältnissen, mit psychisch kranken, emotional überforderten Eltern aufwachsen nutzen, um das zu bewältigen. Bei manchen kehrt sich die Rolle um. Sie als Kinder stützen die Erwachsenen, nicht umgekehrt. So etwas kann zu großer Kompetenz führen, wenn es aufgearbeitet wird. Leider haben nur wenige Menschen die Möglichkeit dazu. Andernfalls aber bleiben die Verletzungen, Überforderungen und die unerfüllten kindlichen Bedürfnisse ein Leben lang ein Risikofaktor. Und führen eben zu beschriebenen blinden Flecken. Womit ich selbst nicht richtig fertig werde, was ich nie richtig aufgearbeitet habe, kann ich auch beim anderen nicht sehen. Es überfordert mich. Je mehr ich damit konfrontiert werde, desto größer meine Abwehr.
    Im Grunde unterscheidet sich der Prozess der Auseinandersetzung mit dem Thema bei den Grünen eben nicht von der anderer Institutionen, wie zum Beispiel der Katholischen Kirche. Er verläuft eben anders. Wie nachhaltig, inwieweit wirklich ernst gemeint, das wird die Zukunft zeigen. Ein Prophylaxekonzept allein reicht nicht. Prominente Angehörige der Organisation, die sich selbst als Opfer outen und so andere ermutigen es ihnen gleich zu tun, wären schon überzeugender. Bei den Grünen hat eben Marieluise Beck das getan. Bei der Katholischen Kirche bisher noch niemand aus der Führungsriege.
    Das beste Mittel, mit Angst, Verunsicherung und Überforderung umzugehen und Mangel in Kompetenz zu verwanden ist es, bei sich selbst anzufangen. Es gibt Berater, Therapeuten, Supervisoren, die sich mit dem Thema „Aufarbeitung von Primärtraumatisierungen“ bestens auskennen.
    Dies lege ich Allen, denen Aufklärung, Aufarbeitung, Übernahme von Verantwortung und Prophylaxe wirklich am Herzen liegen sehr nahe.

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s