Daniels verstörende Welt

Eine tschechische Filmemacherin zeichnet bei der Berlinale das gefühlvolle Portrait eines Pädophilen. Es bleibt naiv und kontextlos – und das Fernsehen macht mit

Daniel ist ein Pädophiler, der keine Missbrauchs-Taten an Kindern begangen hat und auch keine begehen will. So lautet das Grundmotiv von „Daniel´s World“ bei der Berlinale. Die tschechische Filmemacherin Veronika Lisková begleitet Daniel durch sein kompliziertes Coming Out. Das eröffnet tiefe und wichtige Einblicke in das Seelenleben eines jungen Mannes, der mit 13 bemerkt, dass er auf Jungs steht, die jünger sind als er. Mit 25 diagnostiziert ein Sexologe bei ihm eine Präferenz auf Jungen zwischen acht und zehn Jahren. Der Student der Literatur ist tief getroffen. Ihm wird klar, dass er niemals eine Familie haben können wird.

Das komplette Bild eines Pädophilen…

Es geht um das komplette Bild eines Pädophilen. Das war dem Produzenten Zdenek Holy so wichtig. Er findet, dass die Gesellschaft viele Tatsachen über Pädophile ausblendet. Liskovás und Holys Verdienst ist nun allerdings auch, Einblicke in zutiefst verstörende Tatsachen pädophilen Lebens zu geben: Wie Daniel einem Freund zwar eröffnet, dass er pädophil ist – ihm aber verschweigt, dass er sich in dessen achtjährigen Sohn verliebt hat. Und ihn immer wieder sehen will. Wie der Mann sich die Wohnung mit Knabenbildern als Wichsvorlagen pflastert. Oder wie Daniel und seine pädophile Selbsthilfegruppe vom Zaun eines Kindergartens aus gucken, auf welche der Kleinen sie denn stehen.

… bleibt einseitig: Ohne Opferperspektive

Hier offenbart sich die Schwäche des Films, der doch den großen Kontext herstellen will: Seine gnadenlose Einseitigkeit. Wie denken wohl die Erzieher und Eltern darüber, dass sich Pädos versammeln und aus der Gruppe heraus mit Fingerzeigen ihre Vorlieben besprechen? Der Film von Lisková ist auch naiv. Die Regisseurin tut gerade so, als wäre es ein vollkommen neue Frage, die sich Daniel die ganze Zeit stellt: Wie ein anerkanntes pädophiles Leben möglich sein könnte. Dabei ist es ein uraltes Thema. Seit Platons Symposion (hier bald mehr) wurde immer wieder offen darüber räsoniert, wie eine sogenannte Knabenliebe aussehen könnte, die vom bösen Makel des Missbrauchs befreit ist. Man konnte in diesen Epochen auch beobachten und erleben, was geschieht, wenn sexualisierte Gewalt gegen Kinder plötzlich so etwas vermeintlich Beglückendes wie „sexuelle Befreiung“ wird: Missbrauch wurde salonfähig. Gelitten haben darunter stets die Betroffenen. In den 1980ern gab es weit verbreitete Bestrebungen, Missbrauch zu legalisieren. Das heißt, Kinder wären zu Freiwild geworden – in manchen Kinderläden, Kommunen und etwa der Odenwaldschule war das Praxis. Nicht wenige der Hunderten Opfer haben mit einem völlig verkorksten Leben dafür bezahlt. Sie merken oft erst sehr spät, dass gegen ihre Würde und ihre sexuelle Selbstbestimmung verstoßen wurde, als sie diese noch gar nicht kennen konnten. Ein Dilemma, das übrigens größer und zerstörerischer als das eines Pädophilen – denn das Opfer erleidet es durch die Gewalt Dritter.

Dass die tschechischen Filmemacher geschichtsvergessen sind und die Perspektive der Kinder ausblenden, ist ihrem Format geschuldet. Sie wollten das einseitige Portrait eines Pädophilen machen. Dass freilich in TV-Berichten solcherlei Kontexte nicht aufgerufen werden, ist fragwürdig. Muss man dem Zuschauer nicht zeigen, dass Daniels Fragen nicht neu sind? Oder dass es trotz der nicht enden wollenden Missbrauchsdebatte wahnsinnig schwer ist, Schutz und Hilfe für die Opfer von Missbrauch zu organisieren? Seit Jahren arbeitet sich die Gesellschaft daran ab. So groß die Fortschritte auch sein mögen, dass sich 14 von 16 Bundesländern einfach weigern, den Fonds für Opfer zu bedienen, zeigt den traurigen Stand: Opfern wird Hilfe oft einfach verwehrt, die Empathie für Täter hingegen ist viel größer, als behauptet wird.

Der Berlinale-Streifen und seine kitschige Replizierung („endlich mal etwas anderes als die üblichen Horrorgeschichten“) ist nicht das erste geradezu unheimlich gefühlvolle Portrait von Pädophilen. (Weitere gab es hier im SZ-Magazin – bemerkenswerter Text, bei dem das Wort Missbrauch gar nicht erst vorkommt – hier in der Zeit und nochmal in der Zeit und hier eine Kritik dazu.) Ja, sie sind arme Kerle, geschlagen mit einem schier unlösbaren moralischen Konflikt. Aber die Zahl der Opfer scheint doch um einiges größer zu sein. Und ihre Ausweglosigkeit ist es auch.

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